Interview über unseren Weg der Biodynamie

Szabolcs Seléndy, stellt uns Fragen über unsern Weg der Biodynamie.

Biodynamie – Warum hast du den schwierigsten Weg gewählt?

Es ist für mich der einzige Weg. Wir haben bis zum Jahr 2000 den modernen Weg ausprobiert und wurden nicht glücklich. Unsere Lagenweine schmeckten immer ähnlicher. Daher war der Weg zum biologischen und in der Folge zum biodynamischen Anbau der einzige Weg, gesunde und ausbalancierte Trauben zu erzeugen. Diese sind ohne weitere Zusätze vinifizierbar.


Du bewirtschaftest in Balf alle 28 Hektar Weingärten biodynamisch. Wie ist das praktisch durchführbar?

Für mich ist es so: Der Mensch wird biodynamisch. Und mit ihm die Landwirtschaft und sein gesamtes Umfeld. Meine biodynamische Ausbildung hat mich gelehrt, Probleme selbst zu lösen. Diese Freiheit ist es, welche mir – privat wie auch in meiner Landwirtschaft – hilft, dieses Gleichgewicht, diese Balance zu erreichen.


„Wir sehen die Sensibilität für die von der Natur geschaffenen Bedingungen als Grundpfeiler unserer Arbeit. Ein lebendiger Wein, der die Seele anspricht, entsteht durch eine Zusammenführung der natürlichen Kräfte. Eingegriffen wird nur, um Richtung vorzugeben. Ich versuche, die natürlichen Prozesse im Weingarten und im Weinkeller zu bestärken. So schaffe ich es, die Charakteristika der Böden, des Terroirs, bestmöglich in den Wein zu bringen.“ – soweit das Zitat von Deiner Website über den Weinberg. Aber im Keller wird man doch Eingriffe brauchen? Wie viel praktische Erfahrung ist notwendig?


Als wir uns vor 14 Jahren von der modernen Önologie entfernten, erkannten wir schnell, dass Spontangärung und unser „non intervention winemaking“ nur auf den besten Lagen funktionierte. Dieser Sache wollten wir auf den Grund gehen. Und lernten dadurch, dass nur ein ausgeglichener Weingarten in der Lage ist, Trauben zu produzieren, welche auch ganz natürlich vergoren und ausgebaut werden können. Natürlich braucht dies einige Erfahrung. Der Mensch und seine Geschichte beeinflussen jede Entscheidung. Daher sind Erfahrung, und vor allem auch Scheitern, Teil dieses Prozesses. Lange Zeit wollte ich dies nicht wahrhaben und hoffte, dass die Wissenschaft mir meine Fragen beantworten kann. Aber dem war nicht so.


Warum lebst du in Balf?

Weil Balf ein schöner Ort ist, mir Ruhe spendet und ich hier mehr Freiheit verspüre.


Wann und wie kamst Du ausgerechnet nach Balf? Hat Dein Vater diesen Ort gewählt oder warst Du an dieser Entscheidung beteiligt?

Mein Vater fand in der Soproner Bibliothek eine Lagen-Klassifizierung aus dem 19. Jahrhundert. Darin war der Spern Steiner als die beste Lage der Region angeführt. Somit war der Entschluss schnell gefasst.


Wie stehst Du zu der Meinung, dass biologisch-dynamische Landwirtschaft die Lösung für unsere Probleme sei? Rudolf Steiner als Erlöser?

Der Mensch schaffte es im 8. Jahrhundert mit Hilfe der Kuh, von der Landwechselwirtschaft zur Dreifelderwirtschaft zu gelangen. Und schuf so eine nachhaltige sesshafte Landwirtschaft. Derzeit entwickelt sich die moderne industrialisierte Landwirtschaft wieder in die entgegengesetzte Richtung. Es werden aber nicht mehr die Felder und Wälder in Europa abgebrannt, sondern der Regenwald in Südamerika. Das auf diesen Flächen gewonnene Soja wird den Kühen in Europa verfüttert. Diese Entwicklung ist sehr traurig. Mit Hilfe der Biodynamie erreichen wir eine nachhaltige Bodenwirtschaft. So kann über Generationen der Boden genützt werden und so trägt die biologische Landwirtschaft einen wichtigen Teil zur Ernährung des Menschen bei. Ich wage zu behaupten, dass in zehn bis 20 Jahren nur mehr die biologische und die biodynamische Landwirtschaft in der Lage sein werden, den Menschen zu ernähren. Die energieintensive Produktion von Kunstdünger wird nicht mehr möglich sein. Ich glaube aber nicht an Gurus, so war auch Rudolf Steiner für mich kein Guru, sondern jemand, der nachhaltige Ideen hatte. Ich bin so offen in meiner Meinung, dass ich glaube, dass auch andere alternative landwirtschaftliche Medizin wie die chinesische Medizin, Ayurveda oder andere alternative Landwirtschaftssysteme es ermöglichen, nachhaltig zu produzieren. Und somit der Welt oder besser gesagt der Menschheit helfen.


Wie siehst Du es, den Kompost mit den Präparaten zu versetzen? Wie groß schätzt Du die Effekte der Kompostpräparate wirklich ein?

Kompost ist die Verfeinerung des Mists. Die Nährstoffe sind bereits in einer stabilen Verbindung. Die biodynamischen Präparate treiben diese Verfeinerung weiter und bringen das Geistige über den Kompost in den Weingarten.


Wie löst Du das Problem, bei der Auspflanzung eines neuen Weingartens den Boden öffnen zu müssen? Wenn es nicht ratsam ist, den Boden zu drehen, wie kultiviert Ihr dann den Boden?


Wir können für kurze Zeit den Boden öffnen, speziell beim Auspflanzen ist dies auch die einzige Möglichkeit. Aber zwischen den Reihen halten wir auch beim Auspflanzen den Boden geschlossen. Wichtig ist es, das natürliche Bodengefüge nicht zu stören – daher den Boden nicht umzudrehen. Wenn man bedenkt, dass in 100 Jahren 1 cm Boden entsteht, dann ist es schwer fahrlässig, diesen Boden mit einmaligem Umdrehen zu zerstören. Bei einer Auspflanzung wird der Boden bei uns im Stockbereich bis zu 40 cm tief gelockert, nicht gewendet. Zwischen den Reihen bleibt der Boden geschlossen. Das ist der Kompromiss mit dem wir leben.


Bodenanalyse oder Spatenprobe?


Als ich im Jahr 2002 durch eine Bodenanalyse feststellte, dass ich genügend Magnesium im Boden habe, aber die Reben Mangelerscheinungen zeigten und die Blattstielanalyse einen Magnesiummangel ergab, wusste ich, dass die Bodenanalyse nicht ausreichend genau ist und vor allem nichts über die Verfügbarkeit aussagt. Mein biodynamischer Berater sagte immer, man kann nur messen, wie viel Wasser in einem Menschen ist. Aber das sagt nichts darüber aus, ob er durstig ist. Daher ist die Spatenprobe für uns das richtige Werkzeug.


Warum ist die Bodenbedeckung so wichtig?

Der Boden will sich selbst heilen. So wie zum Beispiel auch die menschliche Haut: Wenn sich der Mensch schneidet, passiert ein genau abgestimmter Prozess: Das Blut und das Protein stocken und es bildet sich Schorf. Nach zwei Wochen fällt dieser ab, darunter befindet sich wieder neue Haut mit einer schützenden Fettschicht, nach weiteren zwei Wochen haben sich auch wieder feine Härchen gebildet welche wieder zum Schutz der Haut dienen. Der Prozess ist beendet.
Wenn wir den Boden öffnen beginnt ein ähnlicher Prozess. Es kommen erst Pflanzen welche den Boden beschatten, ein Jahr später Sträucher und nach 20 Jahren ist es Wald. Wald ist die natürliche Schutzschicht des Bodens – alles will Wald werden! Nur im Wald wird natürlich Humus aufgebaut und eine großzügige Biodiversität entsteht. Sobald wir Monokultur betreiben (Landwirtschaft), muss es unser Bestreben sein, so viel wie möglich von dieser natürlichen Heilkraft des Bodens zu verwenden. So schaffen wir nachhaltige Landwirtschaft.


Verwendest Du bei der Aussaat Maria Thuns Kalender? Wenn ja, wie funktioniert es, wie zuverlässig lässt er sich anwenden wenn man verschiedene Kontinente, Geländebeschaffenheiten, Wetterbedingungen berücksichtigt?


Ich schätze Maria Thun sehr und respektiere ihre Arbeit. Trotzdem verwenden wir ihren Kalender nicht in unserem Betrieb. Ich arbeite mit der engeren Familie Sonne und Mond. Die Verwandten – die Planeten – werden bei uns im Betrieb nicht berücksichtigt. Der Grund liegt in der Praktizität, denn ein System ist nur gut wenn es auch durchführbar ist. Der Maria Thun Kalender ist im privaten Garten ein tolles Instrument um bessere qualitative Früchte zu erzeugen.


Wie kann ein Kalender so gut funktionieren bei den Verschiedenheiten von Lagen, Klima und Wetter?


Die Konstellationen haben mit dem jährlichen Rhythmus zu tun und diese sind unabhängig von Klima und Wetter. Die Zuckerreife ist abhängig von Klima und Wetter, die physiologische Reife ist unabhängig von diesen Faktoren und vom jahreszeitlichen Rhythmus abhängig.


Stellst Du die Bio-Spritzmittel selbst her?

Brennnesseltee und beim Ackerschachtelhalmtee ja, und die biodynamischen Präparate stellen wir selbst her. Beim Kamillentee schaffen wir es nicht, diesen kaufen wir in Bioqualität zu.


Brennnessel, Ackerschachtelhalm und die Präparate wirken gegen Pilzkrankheiten?

Bei den Tees und den Präparaten geht es mir um die Balance. Wenn sich ein Organismus im Gleichgewicht befindet, wird er nicht so leicht krank. Beim Menschen ist dies am besten mit der Work-Life-Balance zu erklären. Somit können viele Krankheiten vorgebeugt werden. Wenn aber eine Krankheit auftritt, brauchen auch biodynamische Betriebe Biopflanzenschutzmittel wie Schwefel und Kupfer.


Verwendest Du die Methode der Veraschung im Weingarten?

Bisher haben wir noch nicht mit der Veraschungsmethode gearbeitet. Wir werden aber noch heuer einen Versuch durchführen – danach kann ich mehr darüber berichten.


Ihr erntet Eure 28 Hektar per Hand. Wann ist der beste Zeitpunkt zu lesen?

Mit 20 Erntehelfern schaffen wir 1 – 1,5 Hektar pro Tag zu ernten. Durch die unterschiedlichen Lagen und Sorten ist es für uns kein Problem, jede Sorte und Lage zum richtigen Zeitpunkt zu ernten.


Wie stehst Du zu Filtration und Schönung?

Schönung und Filtration sind starke Medizin für den Wein. Durch die balancierten Trauben schaffe ich es, auf diese Medizin zu verzichten. Im Keller arbeite ich nur mit Luft, natürlicher Hefe und minimalem Schwefeleinsatz. Bei gewissen Weinen auch mit Filtration. Weine, die weniger als ein Jahr lang lagern, benötigen Filtration.


Was ist der Grund, dass die Weninger-Weine so erfolgreich sind in der Welt?

Das hat viel mit der Vision, der Bodenverbundenheit und unserem langfristigen Denken zu tun. Dies sind perfekte Zutaten für außergewöhnlichen individuellen Wein.

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